Die dunkle Seite der Macht: Im Hades von NeuroLink

Spoilerwarnung!!! Nur lesen, wenn man "Pandora" bereit s beendet hat!!! 

Ihr habt sicher in den letzten Tagen die rührende Geschichte der beiden Mädchen gelesen, die von der Presse „Das doppelte Lottchen vom Grunewald“ genannt wurden. Auf die familiäre Geschichte der Zwillinge möchte ich gar nicht näher eingehen, da kann sich die Boulevardpresse von mir aus so viel in Spekulationen verstricken wie sie will. Die Familie wird irgendwann selbst entscheiden, ob und wie viel sie preisgeben will.
Ich möchte mein und euer Augenmerk auf das Verbrechen lenken, das in den vergangenen Tagen an Sophie und Elisabeth verübt wurde.
Die Geschichte, die Polizei und Presse die letzten Stunden nicht müde werden, zu erzählen, geht so: Die beiden Mädchen wurden entführt, weil die Täter um den berühmten Hacker Brother Zero herum vom Vater eines der Mädchen Lösegeld erpressen wollten. Nämlich vom allseits geschätzten und stinkreichen Leopold Karweiler. Ich gebe zu, das passt ganz wunderbar zusammen. Zum Glück kam die Polizei und hat die Mädchen aus den Klauen der Erpresser befreit und dabei praktischerweise leider den Kopf der Bande erschossen.

Ich bitte euch, einen Moment inne zu halten und nachzudenken. Ein berühmter Hacker entführt also aus Geldnot zwei Mädchen, um sie auf dem Gelände der BBI-Brache gefangen zu halten und dann auf schnöde Art und Weise von den Eltern Geld zu erpressen. Kommt euch das nicht ein bisschen eigenartig vor? Hätte ein Meisterhacker nicht andere Mittel und Wege, an Geld zu gelangen, als sich selbst die Finger schmutzig zu machen? Nur eine Bemerkung am Rande: Brother Zero war genial, einer der allerbesten.
Also? Genau: Die Sache stinkt.

Wie es der Zufall will, kann ich euch die wahre Geschichte der Entführung erzählen, denn ich war selbst dabei. Der Grund, warum die Mädchen in Gefangenschaft gerieten, war schlicht der, dass sie einem dunklen, durch und durch verbrecherischen System auf die Schliche gekommen sind. Und seinem wahren Kopf, einem Verbrecher, der sich selbst „der Sandmann“ nennt und nachts böse Träume in die Betten all jener bringt, die einen werbefinanzierten SmartPort tragen und dem Anforderungsprofil entsprechen.
»Welches Anforderungsprofil?«, fragt ihr euch jetzt sicher.
Nun, das kommt ganz darauf an, was bestellt wurde. Wählerstimmen, Demonstranten, Probanden für medizinisch fragwürdige Medikamententests, Bewerber für einen bestimmten Berufszweig oder sogar Freiwillige für einen völlig sinnlos gewordenen Krieg.
Während NeuroLink die Träume ihrer Kunden mit Werbefilmen für Waschmittel, Ohrenstöpsel oder Abflussreiniger zumüllt, sähen die Träume des Sandmannes ganz andere Wünsche, Ängste und Vorstellungen.
Organisiert wurde das alles von Mittels- und Kontaktmännern der NeuroLink AG selbst. Zwischen der Zentrale im Norden der Stadt und der BBI-Brache herrschte ein reger Datenaustausch. Der Konzern und der Sandmann haben sich den Markt einfach aufgeteilt: in eine legale und eine illegale Kuchenhälfte.
Natürlich behauptet die Konzernleitung nun, von dem dunklen Treiben nicht das Geringste gewusst zu haben, eine absolut absurde Vorstellung. Der Autor dieses Artikels vermutet aber, dass die hinter der gesamten Schweinerei stehenden Strukturen niemals vollständig enthüllt werden. Köpfe werden rollen, doch die Medusa NeuroLink wird vermutlich weiterleben.

Woher ich das alles weiß, fragt ihr euch? Das kann ich gerne erklären: Ich war vor Ort. Auch ich war Gefangener des Sandmannes. Man könnte behaupten, ich war nicht ganz unschuldig daran, dass die beiden jungen Frauen ihm auf die Schliche kamen.
Und in einer weiteren Sache irrt die Boulevardpresse gewaltig: Elisabeth und Sophie gelang es völlig aus eigener Kraft, sich aus ihrer Zelle zu befreien und sowohl mich als auch meinen Freund und Chefredakteur dieses Blogs, Marek van Rissen, ebenfalls zu retten. Ein von mir abgesetzter Notruf führte lediglich dazu, dass uns der geschätzte Freund und Helfer von dem Gelände der BBI-Brache holte.
Diesem Freund und Helfer wäre es nun allerdings viel lieber, ich würde diesen Artikel gar nicht schreiben oder gar veröffentlichen. Um dies sicherzustellen, werden Marek und ich nirgendwo erwähnt und ich gehe stark davon aus, dass in dieser Minute Pläne entstehen, Marek und mich noch in das posthum entstehende Verbrecherteam rund um Brother Zero zu rekrutieren. Doch das kann ich leider nicht zulassen.
Nicht nur, weil dann die Welt nicht erfahren würde, welche Schweinereien mithilfe der SmartPorts und einer Reihe ekliger Seilschaften ausgeführt wurden. Sondern auch, weil ein geschätzter Freund von mir sein Leben gelassen hat, um Sophie, Elisabeth, Marek und mir bei unserer Flucht zu helfen. Und er hat noch so viel mehr getan als das: Er hat mir die Beweise für all die Ungeheuerlichkeiten geliefert, die ich gerade vor euch ausgebreitet habe. Er ist gestorben, damit alle Welt die Wahrheit erfährt.
Brother Zero war keineswegs ein Verbrecher – ich selbst würde mich nicht scheuen, ihn als Helden zu bezeichnen.
Dank ihm habe ich mein Leben und die Beweise. Sie liegen an einem sicheren Ort, und nicht nur das. Ich habe alle wichtigen Redaktionen des Landes mit Kopien des Materials versorgt und auch die Mitarbeiter von DataLeaks haben eine Kopie erhalten.
Ich möchte noch nicht allzu viel verraten, doch ich würde dem Innenminister dringend ans Herz legen, seinen Schreibtisch aufzuräumen. Spätestens morgen dürfte er diesen nämlich los sein.
Und jetzt lehnt euch zurück und genießt die Show!
Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Raus aus meinem Kopf!


Watchdog Sash.